Chronik

1. Phase der Gründung einer Musikgesellschaft

Die Wolfegger Musikkultur hat ihre Wurzeln im kirchlichen und standesherrschaftlichen Umfeld. Die Pflege der Kirchenmusik unterlag bis zur Säkularisation hauptsächlich dem Chorherrenstift. Die Wolfegger Chorknaben waren die tragende Säule der Kirchenmusik in Wolfegg.

Auch das Fürstliche Haus in Wolfegg ist seit Jahrhunderten für sein musikalisches Engagement bekannt. Die Tradition der gepflegten höfischen Salon- und Konzertmusik lebt noch heute in den „Internationalen Wolfegger Konzerten“ auf Schloss Wolfegg weiter. Die überaus reiche Musiksammlung im Fürstlichen Gesamtarchiv Wolfegg zeigt, welch hohe Musikkultur schon vor Jahrhunderten in Wolfegg gepflegt wurde. So gab es nachweislich seit 1797 ein Hoforchester in Wolfegg, das sowohl zu kirchlichen wie weltlichen Anlässen aufspielte. In der Chronik von Monsignore Robert Mayer zu den Tagebuchaufzeichnungen des Schülers Carl Rugel von Wolfegg vom Jahre 1806/07 wird berichtet: „Heute kennt Wolfegg nur noch die mehr oder weniger wundervolle preußische Blasmusik, und damals erklangen in Wolfegg die zierlichen, graziösen Rokokoserenaden und Tänze, so am Namenstag des Fürsten Josef, am 19. März 1807“. Am 3. November 1806 wurde nach Rugels Tagebuchaufzeichnungen in der Stiftskirche ein „musizierendes Amt“ unter der Leitung des hauptamtlichen Wolfegger Musikdirektors Hafner aufgeführt. Ebenso gab es an Ostern 1807 eine „musizierte Vesper“.


Auszug aus dem Tagebuch von Carl Rugel vom 29. März 1807

Anfang des 19. Jahrhunderts kam es in unserer Gegend zu einem musikalischen Wandel. Als Folge der Säkularisation wurden viele höfische und kirchliche Traditionen abgelegt. An verschiedenen Orten Oberschwabens hatten sich weltliche Musikgruppen oder -gesellschaften nach preußisch-militärischem Vorbild zu sogenannten „Türkischen Musiken“ zusammengeschlossen. Diese bestanden anfangs oft noch gemischt aus Streichern, Holz-, Blech- und Schlaginstrumenten. Doch schon bald sind die Streicher und Holzblasinstrumente aus den Orchestern gänzlich verschwunden. Von kirchlicher Seite war dieses weltliche Musikspiel nicht gerne gesehen. Die Wolfegger Musikkapelle hatte deswegen teilweise bis Mitte des 20. Jahrhunderts einen schweren Stand überhaupt in der Stiftskirche eine angemessene Choralmusik darbieten zu dürfen. Die Musikkapelle Wolfegg war bemüht, wie aus der Vereinschronik ersichtlich, dass ihr „doch noch eine bessere Aufmerksamkeit von der Pfarrei zu teil werde“.

In anderen Gemeinden waren die weltlichen Kapellen durchaus auch von kirchlicher Seite akzeptiert. So hat zum Beispiel die Bergatreuter Musikkapelle schon Mitte des 18. Jahrhunderts hauptsächlich kirchliche Feierlichkeiten umrahmt, weil hier der Ursprung, ähnlich der höfischen Musik in Wolfegg, von der Kirchenmusik und nicht vom militärischen Musikspiel ausging. Wenngleich auch in Bergatreute die „Türkische Musik“ Einzug hielt, so sind dort auch später die Streich- und Holzblasinstrumente noch gespielt worden.

In Wolfegg gründeten wohl im ersten Drittel des 19. Jahrhunderts Veteranen der letzten Kriege eine weltliche Musikkapelle. Einzelne Musikbegeisterte haben sich nach einer angeblich 1929 gefertigten Notiz des früheren Wolfegger Bürgermeisters Franz Neff um das Jahr 1830 zu einer Musikgesellschaft zusammengefunden. Dabei sollen Musiker aus dem Ortsteil Rötenbach mit den Wolfeggern zusammen musiziert haben. Rötenbach hatte zu dieser Zeit demnach noch keine eigene Musikkapelle. Wie lange diese musikalische Harmonie Bestand hatte, ist nicht belegbar.

Im Jahr 1848/49 formierte sich in Wolfegg wegen der allgemein politisch schwierigen Lage eine Bürgerwehr. Am 10. Oktober 1848 ließen sich elf Männer in Wolfegg zu einem „Musik Corps“ aufstellen. Sie verpflichteten sich im Gründungsdokument zu regelmäßigen Proben. Vielleicht waren es dieselben musikbegeisterten Männer, die schon Jahre zuvor die erste weltliche Musikkapelle in Wolfegg gegründet hatten. Die Dauer dieser musikalischen Zusammensetzung währte nicht lange, denn schon 1851 wurde durch die Aufhebung der Bürgerwehren auch das Musikcorps zwangsläufig aufgelöst.

Schriftführer Josef Schmitt hat 1949 bei der Erstellung seiner Chronik alte Musikkameraden zur Wolfegger Musikgesellschaft befragt. Hier hatte der Bassist Sebastian Neuner von Wolfeggerberg, der laut Schmitts Aufschrieben „ein urfideles Wesen“ war, ausgesagt, dass vor dem Jahr 1870 ein Herr Sapper Dirigent der Wolfegger Musik gewesen sei. Sapper soll Angestellter in der Papierfabrik in Höll gewesen sein.