Chronik

3. Die neue "Musikgesellschaft Wolfegg" von 1892 bis 1926

Die von der alten Musikgesellschaft Wolfegg übrig gebliebenen Mitglieder sammelten sich unter der Leitung von Musikdirektor Josef Mittelberger von Wolfeggerberg am 01. April 1892 zur Neugründung einer Kapelle.
Aufschriebe dieser Kapelle werden ab 1908 von Schriftführer und Kassier Friedrich Martin aus Wassers geführt. Am 12. März 1908 beschließen 19 Mitglieder die ersten „Statuten der Musikgesellschaft Wolfegg“. Der Zweck dieser Gesellschaft soll sein, so wird unter § 2 aufgeführt, „durch Musikvorträge u. gesellige Unterhaltung ein Vergnügen zu schaffen, kirchliche u. weltliche Festlichkeiten in der Pfarrei zu verschönern,...“. Der Mitgliedsbeitrag dieser nur aus aktiven Mitgliedern bestehenden Gesellschaft wird auf jährlich 1 Mark festgelegt. Ebenso werden die aktiven Mitglieder „vom Musickdirektor zur Spielung desjenigen Instrumentes verpflichtet, als dieser für gut findet. Hiegegen kann keine Einwendung gemacht werden“. Die Pflichten der Mitglieder wurden sehr straff gehandhabt; so konnte es leicht zum Ausschluss eines Mitgliedes kommen. In § 5 der Statuten heißt es außerdem: „Mitglieder welche vor schon bestimmten u. versprochenen Musickunternehmungen (Unterhaltungsmusick, Hochzeit oder sonstigen Festlichkeiten) aus der Gesellschaft austreten oder ohne geeigneden Grunde fern bleiben, sind für den der Gesellschaft entstandenen Schaden haftbar zu machen.“ Außerdem wurde für das Fernbleiben bei Proben eine Strafe von 20 Pfennig und für den verspäteten Probenbesuch von 10 Pfennig festgesetzt. Zum Vergleich: 1908 betrug der Stundenlohn eines Arbeiters 28 Pfennig.

Auszug aus den Statuten der Wolfegger Musikgesellschaft 1908

Dass es zu dieser Zeit neben der „großen“ Kapelle auch eine kleine Tanzmusikbesetzung gab, ist ebenfalls aus den Statuten von 1908 ersichtlich, weil hier ein gesonderter Obulus an die Spielenden ausbezahlt wurde. Letztlich wurde festgelegt und beschlossen: „Der Musikdirektor wacht über die Beachtung der Statuten“.

Das noch vorhandene Ausgaben- und Einnahmenbuch, welches ab 1908 geführt wurde, zeugt ebenso von den Unternehmungen und Veranstaltungen der Musikgesellschaft Wolfegg. So hat sie am 29. Mai 1908 die Reitergruppe aus Rötenbach beim Blutritt in Weingarten begleitet und von dieser dafür 8 Mark Lohn erhalten. Von der Stadtpflege Weingarten hat es für die musikalische Umrahmung des Blutfreitags zusätzlich 18 Mark in die Vereinskasse gegeben. Der Blutfreitag in Weingarten war und ist einer der kirchlichen Höhepunkte im Vereinsjahr der Kapelle. Den Ablauf des Blutfreitags am 29. Mai 1908 beschreibt Schriftführer Martin wie folgt:

„Abfahrt morgens 4 Uhr mit Fuhrwerk; Ankunft in Weingarten um 5 1/4 Uhr im goldenen Adler. Von dieser Wirtschaft aus ... wurde die Reitergruppe Rötenbach unter den Klängen des Breisgau- Marsches in den Kasernenhof begleitet. ... Während der Prozession wurden abwechslungsweise die Parademärsche v. Dinser u. Eder gespielt. Nach dieser Fortbegleitung 7 ½ Uhr marschierte man mit dem Verein in geschlossenem Zuge in den Gasthof zum Bären. Daselbst Frühschoppen u. einige Musikvorträge. Von 8 – 9 Uhr war Pause, wo jedes Mitglied sich frei bewegen konnte. Präzis 9 Uhr wieder Antritt beim Bären u. daselbst Abmarsch in geschlossenem Zuge ... zur Rückbegleitung der Prozession.“ Beim Blutritt 1909 erfahren wir, „bei diesem Anlasse kamen die zwei Herren mit den Holzinstrumenten zu spät u. mussten dem Zuge nachspringen, welches allerdings nicht vorkommen sollte. Nach der Prozession wurde die Reitergruppe Rötenbach in den Gasthof zum Adler zurückbegleitet. Daselbst war Mittagessen u. musikalische Unterhaltung. …
Nachdem der Adlerwirt Pfleghar zur Feier des Blutfreitags ein 46 l Fass Bier gespendet hatte, war von 2 – 4 Uhr wieder Pause u. konnte sich jedes Mitglied nach seiner Wahl diese Zeit zubringen. Abends etwa 5 Uhr noch einige Musikstücke im Adler. Nachher ging es in feucht- fröhlicher Stimmung per Fuhrwerk wieder der Heimat zu, mit dem Bewusstsein einen schönen Tag erlebt zu haben.“
In späteren Jahren wurde oft der Polizei Weingarten am Blutfreitag ein Trinkgeld verabreicht – warum, erfahren wir leider nicht ... Die Kassenprüfung fand keinerlei Beanstandung; der Musikdirektor war gleichzeitig auch Kassenprüfer.

Weitere kirchliche Höhepunkte im Vereinsjahr waren die Fronleichnamsprozession, der „Weiße Sonntag“, die Firmung sowie die „Papstfeier“ in Wolfegg. Bei letzterer Feier erlaubte der Wolfegger Pfarrer Mayer 1908 der Musikgesellschaft die Teilnahme, wie der Chronist vermerkt: „Zum ersten male seit Menschengedenken durfte unsere Kapelle auf dem Podium spielen, abwechslungsweise neben dem Kirchenchor“.

Seit dem letzten Drittel des 19. Jahrhunderts nahmen die regionalen Musikfeste einen wichtigen Stellenwert im Vereinsleben ein. Bei Wertungsspielen wurde das musikalische Zusammenspiel gefördert. Eines der ersten größeren Musikfeste war das Musikfest der Stadtkapelle Waldsee. Bei strömendem Regen nahm die Musikgesellschaft Wolfegg am 19. Juli 1908 dort teil. Mit dem Zug ging es von Wolfegg dorthin und auch wieder nach Hause...

Am 05. September 1908 musste der Chronist auf Wunsch der Mitglieder eine abgehaltene Musikprobe schriftlich fixieren: „Auf Wunsch verschiedener Mitglieder sollte in diese Kronick auch eine Probe niedergelegt werden. Diese Probe wurde am 5. September, Samstags, in üblicher Weise abgehalten von 8 ½ Uhr- 11 Uhr abends. Es konnten aber, angetrieben von den 31 l Bier, die Herr Bräumeister Schneider spendete, noch nicht alle Mitglieder kommen. Und so blieben Sie noch 14 Mann an der Zahl in aller Gemütlichkeit unter Würfelrollen u. Klavierklang bei einander u. vertilgten nochmals 46 l Bier u. ¼ l Koniack. Zusammen 77 l. Es wurde dann u. wann der Wunsch ausgesprochen, einmal muß geschieden sein, wurde aber dabei niemand aufgeregt. Die Zeit verrann aber Stunde um Stunde u. die Sitzung dauerte immerfort. Die Morgenröthe stieg allmälich herauf im Osten. Horch ! Was schlägt vom Turm – es ist 5 Uhr. Alle traten den Heimweg an. ...“

Jährlich, so auch am 25. Februar 1909, nahm die Musikgesellschaft an der festlichen Feier des „Königs-Geburtstages“ teil, der mit Kirchgang um 9 Uhr begann und um 9 Uhr abends mit Tanzmusik in der Post endete. Bilanz: „Einnahmen der Musick 41 Mark u. ungefähr 50 l Bier“.

In den Jahren 1908 und 1909 stellt der Chronist abschließend fest: „Abgehalten wurden insgesamt 42 Musikproben“. Neben Unterhaltungsmusik in den Nachbargemeinden kam auch die Geselligkeit nicht zu kurz. So wurden des öfteren auch „Proben“ bei Musikdirektor Mittelberger in Wolfeggerberg abgehalten, von denen der Chronist schreibt: „Einmal muss geschieden sein...“.
Musikdirektor Mittelberger stand in regem Kontakt zu Komponist Dinser in Mengen, wie zahlreiche dokumentierte Telefongebühren in der Vereinsbilanz aus dieser Zeit belegen.

Am 16. August 1909 spielte die Musikgesellschaft zur Einweihung des neuen Schulgebäudes in Wolfegg und am 01. April 1911 wurde anlässlich der Einsetzung von Schultheiß Josef Katein im Gasthof Post „Tafelmusik“ aufgeführt. Zur Fohlenmusterung auf dem Gut Grimmenstein wurde am 12. Mai 1912 „konzertiert“: „Das Freibier wurde von Seiner Durchlaucht Fürst Maximilian von Waldburg-Wolfegg gespendet. Es wurde von den Musikern sehr in Anspruch genommen.“

Auch bei Hochzeiten und Faschingsveranstaltungen hat die Musikgesellschaft Wolfegg musikalisch mitgewirkt. Der aktive Musiker Joseph Schick aus Wassers schreibt 1913 in seinem Gedicht: „Z´Wolfegg isch a Musickkapell, Spielt bei Hochzeiten u. bei Bäll. Sind lauter kreuzfidele Leut, gar wenn’s no was zum trinken geit.“

Am 16. Juni 1912 unternahm die Musikgesellschaft Wolfegg einen größeren Ausflug nach Dornbirn in die Rappenlochschlucht. „Um etwas billiger zu reisen, wurde der Kirchenchor von Alttann auch eingeladen...“.

Ein von früheren Musikern über Jahrzehnte in Erinnerung behaltener und oft an die nächste Musikergenerationen überlieferter Ausflug fand am 03./04. August 1913 nach Oberstdorf – Rohrmoos statt, welcher laut Schriftführer Martin von einer Wirtschaft zur anderen führte... . Auf elf Seiten berichtet der Chronist, wie lustig es bei diesem zweitägigen Ausflug zuging: „So machten sich die Mitglieder auf den Weg nach Kißlegg auf die Bahn mit gutem Festhumor, der Kassier mit einem wohlgefüllten Geldbeutel. 5 Uhr 54 wurde das Dampfroß bestiegen in der Richtung Hergatz“. Dort ging es dann schon recht gemütlich zu, denn „statt Kaffee zu trinken“ kam „...ein großer Humpen Bier auf den Tisch...“. Als die Musiker nach etlichen Wirtschaften endlich in Rohrmoos ankamen, wurde „Musick zur gemütlichen Unterhaltung“ aufgeführt; „...als sich die letzten Musikanten aufs Ohr legten, war es morgens 3 Uhr“ – geweckt wurden sie wenig später „durch das Schellengeläute von 80 Kühen, welche in der Umgebung weideten“. Die Geselligkeit kam auch am folgenden Tage nicht zu kurz, sodass der Chronist endlich nach Rückkehr der Reisenden in der Heimat Wolfegg zum guten Schluss schreibt: „Der Ausflug wird jedem Musiker eine schöne Erinnerung sein für sein ganzes Leben !“ – zu diesem einmaligen Ausflugserlebnis der Musikkapelle Wolfegg sei der kürzeste Musikerwitz angefügt: „Ein Musikant läuft an einer Wirtschaft vorbei ...“.

Aufspielen zu nationalen Gebräuchen war auch angesagt: „Am 17. Oktober 1913 wurde ein großes Freudenfeuer abgebrannt auf der Süh zur Erinnerung an die Völkerschlacht bei Leibzieg. Von der Musik wurden patriotische Stücke gespielt“.

„Für ein Ständchen für Seine Durchlaucht Fürst von Wolfegg im Schlosshof“ gab es oft eine großzügige Spende, die für Instrumenten- und Notenkauf verwendet wurde. Auch die kirchliche und weltliche Gemeinde zeigte sich in dieser Hinsicht sehr zuvorkommend.

Einen schönen Tag durfte die Musikgesellschaft Wolfegg bei ihrem Ausflug nach Konstanz und zur Insel Mainau am 19. Juli 1914 erleben. 19 Mitglieder waren bei schönstem Wetter mit der Bahn unterwegs. Der Chronist bemerkt aber: „8 Tage später u. dieser Ausflug würde nicht mehr gemacht werden können, denn ohne Antrag stand man vor dem Ausbruch des großen Weltkrieges“.

Am 25. Februar 1915 konnte das Königsfest nochmals feierlich abgehalten werden. „Ein solch langer Festzug in die Kirche wurde noch nie zuvor beobachtet, denn es beteiligten sich sämtliche Krieger u. Soldaten“. Das anschließende Ständchen im Schlosshof galt den Verwundeten der Gemeinde. Seine Durchlaucht Fürst Maximilian spendete nicht nur der Musikgesellschaft, sondern auch den Angehörigen der Verwundeten.

„Das verflossene Jahr (1915) war auch für die Musikgesellschaft ein schweres. Proben konnten seit Ausbruch des Krieges nur wenig abgehalten werden, denn der Ernst der Zeit war hierzu nicht geeignet.“ Sechs Mitglieder der Musikgesellschaft Wolfegg wurden bis zu diesem Zeitpunkt zum Kriegsdienst berufen. Wegen des Krieges wurde an Fronleichnam 1916 auf Unterhaltungsmusik verzichtet. Der Chronist schreibt nun von ersten Gefallenenmeldungen und Beisetzungen. Weitere Berichte sind der Chronik nicht zu entnehmen.

Hochzeitszug 1919

Während der Kriegsjahre sind nur wenige Einnahmen und Ausgaben verzeichnet. Dies ist ein Hinweis, dass die Vereinsaktivitäten fast zum Erliegen kamen.

Am 14. September 1919 beteiligte sich die Musikgesellschaft Wolfegg unter der Leitung von Dirigent Josef Mittelberger erstmals wieder an einem Musikfest, abgehalten in Bergatreute. Der „Tafelträger“ erhielt dabei einen Lohn von 5 Mark.

Ausflug nach Rohrmoos 1922

Einen Ausflug nach Oberstdorf und Rohrmoos wurde am 30./31. Juli 1922 mit „17 Mann“ per Bahn durchgeführt. Die Kosten beliefen sich aufgrund der anstehenden Inflation auf 1.777,90 Mark.

1923 hatte die Inflation ihren Höhepunkt erreicht: Für das Geburtstagsständchen des Fürsten von Wolfegg erhielt die Musikgesellschaft eine Spende von 40.000 Mark. Der Kassier Friedrich Martin schreibt im Bilanzbuch: „Pfeife u. Taback 10.000 Mark; 4 Glas Bier, 2 l Most 4.000 Mark; 8 Flaschen Bier 9.900 Mark“. Am Ende des Jahres 1923 hatte die Musikgesellschaft einen Kassenbestand von 64.274 Mark zu verzeichnen.

In den Jahren 1924 bis 1926 beschränkten sich die Aktivitäten mangels Nachwuchs auf Tanzmusik in kleiner Besetzung. Am 13.12.1926 hatte Schultheiß Katein in Erfahrung gebracht, dass „die Musikgesellschaft Wolfegg ihre Auflösung und den Verkauf ihrer Instrumente beschlossen habe“. Der Kassenstand zu Ende des Jahres 1926 mit 161,36 Mark war zugleich der letzte Eintrag im Kassenbuch. Die Musikgesellschaft Wolfegg war aufgelöst, wobei Schultheiß Katein den Verkauf der Instrumente und Noten verhindern konnte: „Falls eine Musikkapelle augenblicklich keinen Bestand haben sollte, so können die Instrumente im Rathause aufbewahrt und einer späteren Kapelle oder einem Musikverein übergeben werden“.

Die Folgen des ersten Weltkrieges, die Abschaffung der Monarchie, die Inflation sowie die ungefestigten demokratischen Strukturen der Weimarer Republik veränderten das traditionelle Gesellschaftsgefüge. Eine Musikkapelle, wie die Musikgesellschaft Wolfegg, ohne gefestigte Vereinsstruktur und nur aus 20 aktiven Musikern bestehend, war den Anforderungen der Zeit, vor allem auch finanziell, nicht mehr gewachsen.